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2018-12-17

Anni Albers - Eine Künstlerin des Bauhauses

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Photo: Helen M. Post. Anni Albers in her weaving studio at Black Mountain collage, 1937.

Was das Material diktiert

Schon lange bevor an eigene Arbeiten zu denken war, war ich seit dem ersten Besuch in Dessau in den Bann des Bauhauses gezogen. Das, was ich wahrnahm, waren einerseits Sachlichkeit und - mit den auf Basis von Metallrohren entwickelten Sitzmöbeln wie die LC4 - eine gewisse Kühle. Andererseits legten die Lehrmeister den Fokus der Gestaltungsziele auf den Menschen, seine Bedürfnisse, auf die ihm dienende Funktion des Gegenstandes oder des Gebäudes. Am meisten jedoch beeindruckt mich, dass die Designs noch immer aktuellen Bestand haben.
Ich kann helle Freude daran empfinden, nachzuvollziehen, wie einzelne Lehrmeister und Schüler des Bauhauses in Weimar, Dessau oder Berlin studiert, gezeichnet, experimentiert, weitergedacht haben. Auch, dass der hohe Anspruch galt, beides zu sein: Handwerker und Künstler.

Eine, die ein unkonventionelles Leben als Künstlerin anstrebte und schon eine 5jährige künstlerische Ausbildung hinter sich hatte, trat mit 22 Jahren am Staatlichen Bauhaus in Weimar ihr Studium an: Annelise E.F. Fleischmann. Josef Albers, ihren späteren Mann, kannte sie zu diesem Zeitpunkt schon. Nach der Heirat 1925 nannte sie sich Anni Albers.
1923 trat Anni Albers - zunächst mit einigem Unwillen - in die Textilwerkstatt ein. Schnell war sie jedoch mitgerissen und inspiriert, nicht zulietzt durch ihren Lehrer Paul Klee. 1930 erhielt Anni Albers ihr Diplom und schon 1933 wurde das Bauhaus durch die Nationalsozialisten geschlossen. Ab Ende 1933 lehrten Anni und Josef Albers an verschiedenen Universitäten in den USA.

In ihrem Buch “On weaving” (Erstausgabe 1965) macht Anni Albers deutlich, dass sie ihre zeitgenössischen experimentellen Arbeiten auf der jahrhundertelangen Geschichte des Webens mit seinen umfassenden Techniken neu aufbaute. Das Ehepaar Albers reiste öfter nach Mexiko zu umfangrechen Studienzwecken und wurde auch Sammler mexikanischer Kunstwerke. In der Auseinandersetzung mit der Technik des Webens wurde der Webstuhl, der als Werkzeug zunächst an alte Handwerkstradtion denken lässt, zu einem Segment mit dessen Hilfe Albers sich zu einer Künstlerin der Avantgarde entwickelte. Sie sah das Weben in enger Verbundenheit von Architektur und Textilien, bedecken Gewebe doch als “sekundäre Haut” sowohl den Menschen, als auch sein Wände, sprich: Albers sieht Architektur als “Minimalzelt”. “Statt zu dekorativem Beiwerk werden sie (Textilien, Anm.) zu einem integralen Bestandteil der Architektur.” Heutige Textilien ergänzen unsere modernistische Vorliebe für Glas und Transparentes beispielsweise durch transluzierende Gewebe. Handgewebte Raumteiler definieren als Architekturelemente den Raum und verändern ihn.

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Photo: 2017 Museum of Fine Arts, Boston. Pictorial weaving, Dotted. 1959

Albers experimentierte mit Bildern, Wandbehängen, Raumteilern, die stark in Beziehung zur modernen Malerei bzw. malerischen Abstraktion ihrer Zeit stehen. Nicht die Anlehnung an die Malerei erstrebte Albers als einflussreiche Vorreiterin der Webkunst, sondern die Eigenständigkeit des gewebten Werkes, in dem sich die Grenzen von Kunst und Handwerk auflösten. “Ich glaube, dass die Bildweberei, also eine Art transportfähiges Wandgemälde, im Hinblick auf die Kunst eine neue Zukunft hat.” Gewebe sind von visueller und taktiler Komplexität zugleich erfüllt. Albers experimentierte mit einer Palette an Materialien von Jute, Metallfolie, Lurex, Zellophan, Baumwolle bis Pferdehaar.
Zwar gab es 1949 die erste Retrospektive für sie im New Yorker Museum of Modern Art, doch wich Albers in ihrer künstlerischen Arbeit zeitweise auf grafische Arbeiten aus. Es ließe sich mit Drucken leichter und glücklicher zu künstlerischer Anerkennung als mit Fäden verhelfen. In unseren Tagen wird ihr “überfällige Anerkennung für zentralen Beitrag zu Kunst und Design” (Zitat Tate Modern) zu teil: in Düsseldorf und gegenwärtig in der Tate Modern in London (11. Oktober 2018 - 27. Januar 2019) werden ihre Arbeiten präsentiert.

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Photo: The Josef and Anni Albers Foundation, Bethany. CT 1994. 14.22. Kette, ca. 1940. Abflusssieb, Büroklammern, Kette.

Ebenfalls besonders augenfällig ist für mich ihr Modeschmuck. Er könnte gestern hergestellt sein. Albers´ Zutaten sind Haarklemmen, Büroklammern, Küchenutensilien und vieles Unerwartetes mehr. Kein Wunder: “Kreativ zu sein, ist weniger das Verlangen, etwas zu tun als zuzuhören, was das Material sein möchte.”

Quellen:
- Anni Albers: On weaving. Neuauflage 2017 durch: Princeton University Press. Princeton and Oxford in association with The Josef and Anni Albers Foundation
- Annis Albers. Herausgegeben von Ann Coxon, Briony Fer, Maria Müller-Schareck.

LadyStructura - 20:24:37 | Kommentar hinzufügen